Sollen Schulen für unsere Kinder und Eltern nun endgültig zum Alptraum werden?

Sollen Schulen für unsere Kinder und Eltern nun endgültig zum Alptraum werden?

Stellungnahme zum Bericht der Kleinen Zeitung, Mittwoch 2. Okt. 2019, von Frau Karin Landerl (Entwicklungspsychologin):

Schulanfänger bringen unterschiedliche Qualitäten in ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten mit. Jedes Kind ist mit seinen individuellen Stärken, Begabungen ausgestattet.
Entwicklungspsychologisch gesehen können Kinder desselben Jahrgangs 2 – 3 Jahre auseinander liegen, da die kindliche Entwicklung nach inneren Gesetzen verläuft, jedes Kind sein eigenes Entwicklungstempo mit in die Welt bringt und somit zu einem gewissen festgesetzten Zeitpunkt nicht alle Kinder demselben Entwicklungsstand entsprechen können.
Für alle Kinder die mit Stichtag 31. August das 6. Lebensjahr erreicht hat, gilt die Schulpflicht und viele Eltern stellen sich die Frage, ist mein Kind schon schulreif?

Schulreife ist ein Zusammenspiel körperlicher, emotionaler, sozialer Kompetenzen, auch sprachlich – kognitiver Faktoren, orientiert sich jedoch nicht alleine an den geistigen Leistungen des Kindes.

Entwicklung braucht Zeit, die unseren Kindern heute Großteils nicht mehr gegeben ist. Ein Zuviel an allem und Zuwenig an dem was ein Kind für die Entwicklung grundlegender Basisfunktionen braucht. Immer mehr Defizite tun sich auf.
Um ein Haus zu bauen bedarf es eines stabilen Fundamentes.

Angehende Volksschüler sollen nun vor ihrer Einschulung ab dem Schuljahr 2021 einem bundesweit einheitlich verpflichtenden Schulreifetest von 20 Minuten unterzogen werden. Damit möchte man feststellen ob das Kind in den vorgegebenen Disziplinen einer festgelegten Norm entspricht, um herauszufinden was dem Kind noch antrainiert werden muss, um den Anforderungen eines Schulsystems zu entsprechen.
Die Angst der Eltern, mein Kind könnte diesen Test nicht schaffen, wird sie dazu veranlassen, ihr Kind mit noch mehr „gutgemeinten“ Förderprogrammen zu stressen.

Jede Art von Stress, Verunsicherung, von Angst und Druck erzeugt im Gehirn Erregung. Unter diesen Bedingungen kann nichts bereits Erlerntes erinnert und genutzt werden, sowie auch nichts Neues aufgenommen und gelernt werden.

Abgesehen davon sollen in Zukunft Überprüfungen und Beurteilungen der Schulreife mittels App auf einem Tablet festgestellt werden, was zur Folge haben wird, dass Eltern ihrem Kind vielleicht schon mit 2 Jahren den Umgang mit Smartphone, Computer, Tablet, usw. ermöglichen werden und grundlegende Sinnes- und Bewegungserfahrungen, die für die Entwicklung aller Denkprozesse, Gedächtnisleistungen, usw. Voraussetzung sind, nicht mehr ausreichend gemacht werden.

Kinder freuen sich auf die Schule, sind hochmotiviert und können es kaum erwarten, endlich ein Schulkind zu werden. Die anfängliche Freude und Begeisterung –
der Motor jeglichen Lernens – ist bereits vor der eigentlichen Einschulung dahin.

Die eigentliche Aufgabe wäre unser Schulsystem endlich mal zu reformieren, ganzheitliches und individuelles Lernen zu fördern, und nicht lediglich „altes Wissen“ zu vermitteln, das unsere Kinder nicht auf ein Leben in der Zukunft vorbereitet, sondern sie in ihrer intellektuellen Entwicklung behindert, sie mit Dingen belastet, die in der Welt von Morgen völlig nutzlos sein werden.

Schule hat die Aufgabe den Kindern zu ermöglichen, ihr Potential, ihre Begabungen und Stärken zu entwickeln, sie darauf vorzubereiten sich mit neuen Realitäten auseinander zu setzen, intelligenter zu werden, anstatt sie alle in ein System zu zwängen und in derselben Weise zu beschulen – wie noch vor 30/50 Jahren.
Unsere Schulen überfordern die einen und unterfordern die anderen.

Das schlimmste Vergehen unserer Gesellschaft, Politik und unseres Bildungswesen ist, dass sie das Geld vergeudet, das sie den Kindern zukommen lassen müsste.

Wir brauchen einen Aufbruch im Geiste, ein Bildungswesen, das individuelles „Großwerden“ unterstützt und verantwortungsvoll mit dem größtem Gut das wir haben – „Unsere Kinder“ – umgeht.

Team_Sonnenschein_Anita_Grasser
Anita Grasser
Leiterin des Montessori-Kinderhauses „Kinder am Straßenglerberg“